ATHENA: Inklusion und Exklusion von Migrantinnen in Südtirol

ATHENA
Inklusion und Exklusion von Migrantinnen in Südtirol

Einleitung: Grundriss der Studie

1. Ziel der Studie

Die Studie "Athena. Inklusion und Exklusion von Migrantinnen in Südtirol", die wir in diesem Abschlussbericht vorstellen, will die Prozesse der sozialen Öffnung und Schließung in Südtirol ausfindig und augenscheinlich machen, welche die Inklusion von Migrantinnen in den verschiedenen Bereichen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens erleichtern oder erschweren (der Arbeitsort, der Arbeitsmarkt, das Einkommen, die Schule und die Weiterbildungsinstitutionen im Allgemeinen, die Sozialdienste, die Stadt und die gesellschaftlichen Treffpunkte). Das Ziel der Studie ist es, die Mechanismen und die Merkmale der Inklusion / Exklusion von Migrantinnen in Südtirol aufzuzeigen, zumindest in ihren grundlegenden Zügen.

Die Bedingungen des "Eingegliederten" und jene des "Ausgegliederten" ergeben sich aus den Möglichkeiten, die Migrantinnen und Migranten haben, die vielen Ressourcen in der Südtiroler Gesellschaft zu nutzen. Bei den Begriffen wie "Ressourcen" und "Möglichkeiten" denken wir nicht nur an bereitgestellte oder nicht bereitgestellte Güter der lokalen Gesellschaft an die eingewanderten Arbeiterinnen und Arbeiter und ihren Familien, vielmehr beziehen wir uns auf die mit ins Spiel gebrachten sozialen Beziehungen und starken Beziehungen, die sich auf verschiedenen Ebenen zwischen Migranten und Autochthonen bilden: der Austausch, die Solidarität, die Konflikte, die Konkurrenz zwischen Individuen und Gruppen, die sich hauptsächlich über ihre Herkunft einer anderen Ethnie und anderen kulturellen Traditionen definieren, ihre Position im lokalen und globalen Arbeitsmarkt, dem Besitz von spezifischen Fähigkeiten, den verschiedenen Arbeits- und Lebensprojekten. Im Mittelpunkt der Studie stehen die Migrantinnen, ihre Wege der Migration, ihre Arbeit, ihre sozialen und familiären Bedingungen, ihre Projekte und ihre Pläne für die Zukunft.

2. Schlüsselbegriffe der Studie

Damit das Ziel und der Grundriss dieser Studie verständlich werden, müssen bestimmte Begrifflichkeiten erklärt werden: Exklusion / Inklusion, Grenze.

Exklusion / Inklusion

Der Begriff "Exklusion" hat sich in letzter Zeit nicht nur bei den Sozialwissenschaften und den Institutionen durchgesetzt, sondern auch in der Sprache der Politiker, der Sozialarbeiter und der Massenmedien. Die Europäische Union hat das Ziel der "Inklusion" ins Zentrum von vielen wichtigen Programmen und Finanzierungen der sogenannten "schwachen" Subjekte gestellt: eine weite und vielfältige Kategorie, die Frauen beinhaltet (nicht näher bestimmt), Jugendliche, ältere Personen, Aussteiger, Drogenabhängige und - ganz allgemein - die "Bedürftigen" und all jene, die an der Schwelle zur Armut stehen.

Dieser Begriff weist indirekt auf ein soziales und politisches Problem hin, das besonders die öffentliche Hand lösen müsste, wenigstens die schwierigsten und dringendsten Fälle. Wie festgestellt wurde: "Die Idee der Exklusion ist weniger ein analytisches Konzept, als vielmehr ein Paradigma - eine Matrix von Ideen, Anmerkungen, theoretischen Hypothesen, aber auch von nicht gezeigten und Unzeigbahren Werten und Annahmen." Vom soziologischen Gesichtspunkt aus gesehen hat die Allgemeinheit des Begriffes einen konkreten Sinn. Unter sozialer Exklusion verstehen wir das Phänomen der sozialen Ungleichheit und wollen die Komplexität und Verschiedenheit der Formen, die dieses Phänomen in der heutigen Welt annimmt, aufzeigen. Die Dimensionen, die dieser Begriff mit sich bringt sind vielfältig - wirtschaftlich, der Klassenzugehörigkeit, geschlechtsspezifisch, der Generationen, der Nationen - ebenso die sozialen Sphären, in denen er vorkommt (im Bereich der Arbeit, der Gesundheit, des Konsums, der Bildung, der Kultur usw.).

Vorläufer der jüngsten Studien zur Inklusion / Exklusion ist eine exemplarische Studie über die Gemeinschaft Winston Parva (das liegt an der Grenze einer kleinen Stadt in der Nähe von Leicester), die Norbert Elias zusammen mit John Scotson, einem dort lebenden Lehrer, der an Jugendkriminalität interessiert war, Ende der 50er Jahre durchgeführt hat. Elias hat aufgrund der Erfahrungen dieser Studie den Typus des modernen Fremden unterstrichen, des "Außenstehenden", welcher der Gruppe der zuletzt Angekommenen angehört und sich mit den "Integrierten" vergleicht und in Beziehung setzt, mit jenen, die dort geboren sind oder dort schon länger ansässig sind und die, durch ihre stärkere Position, gegenüber den neu Angekommenen Mechanismen der sozialen Ausgrenzung in Kraft treten lassen können, entscheiden können welche sozialen und politischen Rechte ihnen erteilt werden, welche soziale Öffnung oder Schließung in Kraft tritt. Die Studie wurde 1967 in deutscher Sprache unter dem Titel The established and the outsiders veröffentlicht, und 10 Jahre später in englischer Sprache. Auch wenn der Kontext ein anderer ist, so interessieren uns dennoch die vielen methodischen Aspekte, die analytischen Kategorien und die Ergebnisse der Studie. Im Folgenden erwähnen wir einige davon.

Zentral in der Untersuchung von Elias und Scotson ist das Problem der Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den beiden entgegengesetzten Gesellschaftsschichten, als auch die verschiedenen Zwischenpositionen; wie wichtig es ist, die Beziehungen, Spannungen und Konflikte zu analysieren und nicht die vereinzelten Phänomene; die unterschiedlichen Arten und Abstufungen an gegenseitiger Beeinflussung hervorzuheben, nicht nur jene, welche vom "integrierten" auf den "fremden" ausgeübt werden, sondern auch das Gegenteil. Üblicherweise wird die Untersuchung von Elias als eine Studie über kulturelle Unterschiede zitiert, in Wirklichkeit handelt es sich aber um eine Untersuchung zu den Machtverhältnissen, welche sich aufgrund von wechselseitigem Handeln und In-Beziehung-Setzen herausbilden und im Laufe der Zeit sich verändern. Interessant ist auch die Annahme, dass mit der Ankunft der "Fremden" sich die soziale Kontrolle und Unterdrückung (Repression) erhöhen. Anders als erwartet nehmen sie innerhalb der "Integrierten" und auf unterschiedlichen für ihr Dasein wichtigen Ebenen mehr zu. Im Gegensatz dazu haben die Neu Angekommenen, obwohl aus einer stark nachteiligen und der Diskriminierung ausgesetzten Position heraus, größere Handlungs- und Erneuerungsspielräume.

Es gibt auch hier die verschiedenen Zwischenstufen. Die Annahme legt auch nahe, dass dort, wo sich die Integration als sehr stark erweist, es auch die größtmögliche Kontrolle, Einschränkungen und Abwesenheit von "Freiheit" gibt. Bedenken wir, dass die Position der Abwehr, der Geschlossenheit der Gruppe der Autochthonen jene "normalen" und "spontanen" Momente von Geselligkeit lähmt und unterbindet, die Neugierde verstummen lässt, Verdacht und Angstgefühle in der Gruppe selbst in Umlauf bringt. Innerhalb von Mauern zu leben gibt einem den Anschein von Sicherheit, entleert aber jeder Bedeutung das Gefühl von Freiheit.

Eine dritte interessante Untersuchungsausrichtung betrifft die Zeit, welche seit der Ankunft vergangen ist, die Aufenthalts- und Ansässigkeitsdauer. Elias spricht von "alten" und "neuen" (jungen) Familien und nimmt dafür nicht die Aufenthaltsdauer ab gesetzlicher Meldepflicht als Maßstab her, sondern die "Dauer der Ansässigkeit". Er spricht von "Monopolstellungen", welche schon vor langer Zeit eingenommen wurden, und der notwendigen Macht, um sie zu halten. Er spricht von Normen, "Tabus" und Moralkodex, von Unterscheidungselementen, welche eine geschlossene Gruppe für sich stärker beansprucht als eine Gruppe, welche in Veränderung lebt, und diese Dynamik kann nicht nur auf eine Gruppe, sondern auch auf den Einzelnen angewandt werden. Er spricht auch von der Art und Weise und der Stäke in welcher sich die Gruppen als zusammengehörig / geschlossen zeigen, mehr als sie es in Wirklichkeit sowohl in ihrem Inneren als auch im größtmöglichen Zusammenschluss, welcher sich zwischen Ansässigen und den Neu Angekommen bilden kann, sind. Die vorliegende Untersuchung stellt keine Gesellschaftsstudie dar, vielmehr ist sie am Werke Elias angelehnt, indem sie die Annahme der Einwanderung als Faktor gesellschaftlichen Transformationsprozesses in seine Sprache und Terminologie der Feldforschung übersetzt, der grundlegenden Annahme und Prämisse unserer Forschungsarbeit.

Grenze

Wenn man von der sozialwissenschaftlichen Warte aus sich das Funktionieren von Inklusions- und Exklusionsprozessen vorstellt, wirkt die Annäherung des Konzeptes von "Grenzen", von Trennlinien, welche, während sie spalten und abtrennen, jene annähern und vereinen, welche sich innerhalb und welche sich außerhalb befinden, wer "fremd" ist und wer "integriert" ist, automatisch und spontan.

Das Konzept von Grenze hat sich zu einer wichtigen analytischen Kategorie entwickelt, die, wie jene der Exklusion, eine breite Anwendung in verschiedenen Forschungsfeldern, auch in der Migrationforschung, fand. Während das Phänomen der Grenzen - deren Entstehung und Transformationen - hauptsächlich die räumliche Dimension betrifft (die städtische, wohnbauliche Ausgrenzung), so ist deren Phänomenologie viel weitläufiger. Es kann sich um Grenzen handeln, welche Sozialräume umschreiben (zum Beispiel Freizeiteinrichtungen, in welchen Einwanderer nicht willkommen sind oder aufgrund von expliziten oder impliziten, ausgesprochenen oder nicht ausgesprochenen Verboten kein Eintritt gewährt wird, wohlhabenderen oder der lokalen Bevölkerung vorbehaltenen, im Gegenzug zu jenen nur den Einwanderern, vorbehaltenen Wohngegenden), in welchen sich soziale Öffnungen oder Schließungen offenbaren; von Bedeutungsgrenzen / symbolischen Grenzen (die vielfältigen diskriminierenden Bezeichnungen, welche Einwanderer ausgesetzt sind: sauber/schmutzig, höflich/arrogant...), welche sich fast immer in sozialen Grenzen äußern, welche durch ihre Regelung von Öffnungen und Schließungen den Zugang zu Ressourcen und Möglichkeiten auf ungleiche Art und Weise reglementieren. In unserem Falle betrifft die Grenze vor allem den Arbeitsmarkt, in welchem Auswahlmechanismen funktionieren, von Rassen- und Alterstrennung der Arbeitskraft, aufgrund der nationalen Herkunft (sowohl in Bezug auf die autochthone Arbeitskraft als auch intern auf die Arbeitskraft der Einwanderer) und der Geschlechtszugehörigkeit. Es handelt sich hier also um soziale Grenzen, in welchen sich die Trennlinien auf der Ebene der Herkunft, des Geschlechts und der gesellschaftlichen Zugehörigkeit überschneiden, und welche zu einer bestimmten sozialen Schichtenbildung führen, welche durch die Alltagspraxis und der Umgangssprache verinnerlicht und legitimiert werden.

Die "Grenze" kann also als eine wichtige analytische Kategorie zur Untersuchung der sozialen Inklusions- und Exklusionsprozesse betrachtet werden, besonders wenn man bedenkt, dass darin die Begriffe "Kontrolle" und "Übergang" miteinbezogen sind, jene Auswahl an Individuen und Völkern, welche die (nationale, soziale, symbolische) Grenze überschreiten oder überschreiten möchten. Der Begriff der Grenzkontrolle nimmt im Zeitalter der Abschottung Europas einen besonderen Stellenwert ein, weil mit diesem Grenzbegriff nicht nur physische Grenzen gemeint sind, sondern auch symbolische Grenzen (z.B. der kulturellen oder religiösen Identität), welche schrittweise angehoben werden und in Folge den Austausch zwischen Kulturen und Völkern unterbinden. Eine Grenze, wie eine Sprache, kann sowohl eine Brücke wie auch eine Mauer darstellen. Sie kann vereinen oder trennen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig die Überlegungen zum Grenzenbegriff von Leed zu betrachten. Er betont, wie sehr das Phänomen der persönlichen Bewegungsfreiheit die Kraft besitzt, Verwandlungsprozesse (der individuellen Persönlichkeit und der Identität von Gemeinschaften, der Einstellungen und der sozialen Beziehungen) vorzubereiten, und gleichzeitig die Tendenz beinhaltet, dieser Kraft entgegenzuwirken. Leed spricht von einer "vergangenheitsbezogenen Verzerrung", welche bei der Interpretation von gesellschaftlichen Strukturen und der persönlichen Sichtweise zur Geschichte der Menschheit eine gewichtige Rolle spielt, und auf die ständig wiederkehrende Annahme zurückführbar ist, nach welcher Gesellschaftsformen strukturiert, begrenzt, mit einem Kern versehen und von Bestand seien, dass die Welt aus einem strukturierten und differenziertem Ganzen von eingeborenen Stämmen und mit der Erde verbundenen Völkern bestehe. Die Geschichte der Menschheit ist hingegen ein Ergebnis der räumlichen Bewegung von ganzen Volksstämmen: die Erschaffung eines Ortes, einer Landkarte, die gesamte Besiedelungsgeschichte der Menschheit ist auf die persönliche Bewegungsfreiheit rückführbar.

3. Gesellschaftliche Offenheit bzw. Geschlossenheit in Südtirol

Der Grund, wieso die Untersuchung sich auf die Prozesse, welche die Offenheit bzw., Geschlossenheit in der Südtiroler Gesellschaft bedingen, konzentriert, liegt in der Annahme, dass diese Prozesse die besondere Zusammensetzung der Südtiroler Gesellschaft bedingen und einen wichtigen Teil der Geschichte und der eigenen Identität darstellen. Die Zweisprachigkeit ist der beste Beweis dafür. Das politische "Modell" der sozialen Regulierung anhand von unterschiedlicher Integration der geschichtlichen und sprachlichen Elemente stellt ein weiteres Merkmal dar. Der Untersuchung liegt folgende Fragestellung zugrunde: Beeinflusst der gesellschaftliche Kontext in Südtirol durch Differenzierung die Prozesse von Eingliederung der Migrantinnen?

Wir nehmen zudem an, dass in Folge der Ankunft von Migranten die historischen und sprachlichen Unterschiede noch mehr in den Vordergrund rücken und unterschiedlichen Einflüssen und Veränderungsbestrebungen unterworfen sind; dass das Phänomen der Einwanderung Auslöser für besondere, wenn nicht sogar neue, gesellschaftliche Zusammensetzungen wird. Ausgehend von dieser Grundhypothese ergibt sich folgende zentrale Fragestellung der Untersuchung: Wohin gehört die Bevölkerung von Einwanderern in der Südtiroler Gesellschaft, die sich wiederum aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zusammensetzt und aus drei Sprachgruppen besteht, und wo fühlt sie sich zugehörig? Welchen Platz nehmen die Einwanderer, in besonderer Weise die Migrantinnen, in der lokalen gesellschaftlichen Ordnung, gekennzeichnet durch einen stark genormten Kontext und durch die Anwesenheit der Landesverwaltung, ein? Diese Entwicklungsprozesse sind gerade im Gange und sind für verschiedene, untereinander entgegengesetzte Lösungen offen: die Erschaffung eines vierten Gleises in Bezug auf die vorhandenen Ethnien; die Verschmelzung der Blickpunkte, indem Einwanderung als ein Faktor sozialer Verwandlungsprozesse betrachtet wird.

Auch die Faktoren "Aufenthalt", "Stabilisierung" der Einwanderer und zwei weitere Prozesse, welche wir untersuchen möchten, die Selektion unter den Gruppen und die Hierarchienbildung innerhalb der Gruppen von Einwanderern, im Besonderen in Bezug auf die Frauen, nehmen im Rahmen der Untersuchung eine wichtigen Stellenwert ein. Der Einwanderer, welcher die Absicht hegt, länger zu bleiben, ist stärker eingebunden in Beziehungen, welche Aufnahme- und Absagemechanismen beinhalten, Mechanismen von Integration und Assimilation, Mechanismen von Anerkennung und Nichtanerkennung. In jeder dieser unterschiedlichen Konfigurationen sind Ansätze von Konfliktualität und Antagonismus vorhanden, zwischen jenem, der für sich den Alleinanspruch auf die Ressourcen erhebt, und jenem, welcher sie erschließen und allen zugänglich machen möchte.

4. Das Untersuchungsdesign

Der Rahmen für diese Untersuchung wird von drei Bereichen abgesteckt, in denen Migrantinnen vorwiegend arbeiten: die Krankenpflege und die Dienstleistung im Gesundheits- und Sozialbereich, die Dienstleistung im Tourismus- und Gastwirtschaftssektor und die Reinigungsarbeit von Büros, jenem der Kulturmittlung. Es wurde die Aufmerksamkeit auf "strukturierte" Arbeitsverhältnisse gelegt: Krankenpflegerinnen aus Nicht EU Ländern, welche von internationalen Genossenschaften und Agenturen beschäftigt werden; Frauen, welche als Reinigungskraft von Büros "bestimmt" sind, hier vor allem aus Marokko; Frauen, welche im Hoteliers- und Gastwirtessektor als Kellnerkraft eingesetzt werden. Eine besondere Stellung nehmen die Kulturmittlerinnen ein, eine territoriale weibliche "Fachelite", ein begehrter Beruf, welche nur eine Minderheit betrifft und häufig nur als Nebenjob ausgeübt wird.

Ausgeschlossen aus der Untersuchung bleiben viele Arbeitstypologien: die Saisonkräfte in der Landwirtschaft, die Hausfrauen auf Arbeitssuche, die Hausarbeitsgehilfen und Zugehfrauen, die Fabrikarbeiterinnen. Warum sind aber gerade die Hausarbeitsgehilfen und Zugehfrauen aus unserer Untersuchung ausgenommen worden? Dies passierte aus folgenden Gründen: Zu allererst hätte eine genaue Untersuchung der Familienstrukturen in der Südtiroler Gesellschaft vorausgehen müssen, was nicht unseren Zielvorgaben entsprochen hätte und darüber hinaus mehr Ressourcen gebunden hätte, als uns zur Verfügung standen; weiters stellten wir fest, dass zu diesem Themen auf nationaler Ebene schon Forschungsarbeiten durchgeführt worden sind, und dies nur eine Doppelung bedeutet hätte, wenn auch das Umfeld ein anderes gewesen wäre; zu guter Letzt war es uns ein Anliegen, besonders jene Aspekte des Phänomens der Einwanderung von Frauen zu untersuchen, welche von den Stereotypen der Migrantin als "Untergebene" oder "Prostituierte" verdrängt werden.

Obwohl sehr gut eingrenzbar, bietet der Untersuchungsrahmen unterschiedliche Arbeitsebenen: auf höher gelegenen Ebenen lassen sich die Kulturmittlerin und die freiberufliche Krankenpflegerin ansiedeln, auf der untersten Ebene die Reinigungskraft. Krankenpflegerinnen mit fester Anstellung, Pflegekräfte im Gesundheits- und Sozialbereich, die Saalkellnerinnen und Baristinnen liegen im Mittelfeld. Die Art der Anstellung und das Einkommen stellt nur eine Dimension dar, welche ihre gesellschaftliche Position und Klassenzugehörigkeit, ihre Rechte, ihren persönlichen Entfaltungsspielraum, definiert. Die Aufzählung der weiteren Dimensionen wäre langwierig und die Ungleichheiten in diesen Bereichen sind vielfältig. Zum Geschlecht, zum Alter, zum Ursprungsland kommen noch die genossene Ausbildung, die Sprachkenntnisse, die Möglichkeit Fortbildungen zu besuchen, die Gesundheit, die freie Verfügung über die eigene Zeit, die Angehörigkeit zu Verbänden und gewerkschaftlichen Organisationen hinzu. Jedes dieser Merkmale spielt eine besondere Rolle in den Mechanismen der Inklusion / Exklusion und beeinflusst den Grad der gesellschaftlichen Öffnung oder Geschlossenheit, welche vor Ort vorgefunden wird.

Für Frauen mit Familie und Kindern nehmen die familiäre Struktur (Großfamilie, Familie mit nur einem weiblichen Elternteil, usw.), die An- oder Abwesenheit eines doppelten Einkommens eine wichtige Rolle bei der Fortführung ihres Migrationsprojektes ein. Wir können also davon ausgehen, dass nur unter bestimmten Gesichtspunkten und unter Einhaltung bestimmter Grenzen die Annahme korrekt ist, dass die unterschiedlichen ausgeübten Berufe - der Krankenpflegerinnen oder der Reinigungskräfte, der Pflegekräfte oder der Mediatorinnen - dieselben Bedürfnisse, Erwartungen, dieselben sozialen Ungleichheiten, dieselben Vorgehensweisen im Umgang mit ungünstigen Situationen teilen. Darauf aufbauend wurden die genauen Ziele festgelegt. Zuallererst sollen diese Unterschiede und Ungleichheiten innerhalb und im Vergleich mit den anderen verschiedenen Berufen hervorgehoben werden. Aus diesem Grunde wird ein großer Teil dieses Berichtes von der Arbeit und den vielfältigen Faktoren handeln, welche die Art der Unterordnung, die Möglichkeit von Flexibilität und Karriere bestimmen.

Als zweites Ziel sollen im Gegensatz zum ersten, jene Faktoren erhoben werden, welche die gemeinsamen Bedürfnisse und die Art des Menschseins der Frau (Migrantin oder nicht) unterstreichen. In diesem Zusammenhang werden wir darauf hinweisen, dass es in bestimmten entscheidenden Punkten Gemeinsamkeiten aufgrund des Geschlechtes gibt, welche die Migrantinnen mit den autochthonen Frauen verbinden. Die Migrantinnen selbst kennen diesen gemeinsamen Zustand der Nicht-Gleichstellung, welcher eine erwachsene, verheiratete Frau mit Kinder jenseits der Grenzen der Staatszugehörigkeit kennzeichnet. Wir können dabei gleich feststellen, dass wichtige Aspekte der Familienpolitik in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf alle Frauen betreffen. Ohne die weit reichenden Auswirkungen der Ungleichheiten und Unterschiede, welche Migrantinnen von Autochthonen unterscheidet, geringer zu bewerten, müssen wir trotzdem feststellen, wie beide unter den gesellschaftlichen Ausschlussmechanismen leiden, welche auf die geschlechtsspezifische Ausrichtung bestimmter Berufe und Ungleichbehandlungen zurückzuführen sind.

Die Untersuchung setzt den Schwerpunkt auf die gemeinsame Ausgangslage der Migrantinnen. Auch von diesem Standpunkt aus gibt es eine Vielfalt an Problemstellungen und Fragen. Die wichtigsten sind aus der Presse bekannt: die Wohnsituation und die Familienzusammenführung; die Gesundheit; die Sprachkenntnisse und die Zweisprachigkeit; der Ausschluss aus Arbeit und Weiterbildung; der Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen; die Generation der Kinder und die Zukunft, das Schicksal, welches sie erwartet. Was wird mit ihnen und ihren Kindern passieren, nicht in einer fernen, sondern vielmehr in nächster Zukunft? Dies ist eine zentrale und ständig wiederkehrende Frage in den Gesprächen mit den interviewten Frauen, welche auch nicht durch die Probleme des täglichen Kampfes ums Überleben überschattet werden kann. Die untersuchten Bereiche und die Ergebnisse betreffen nicht nur die arbeitenden Mirgantinnen, sondern sie beziehen sich auch auf die politischen Rahmenbedingungen für "Aufnahme", für "Betreuung" und der Befriedigung von Grundbedürfnissen. Als drittes Untersuchungsziel hat sich folglich die Möglichkeit ergeben, ein Rahmenbild der Institutionen, auch wenn nur ansatzweise zu erstellen, die nicht nur die Einwanderung in ihrer Entwicklung begleiten, sondern die öffentliche Verwaltung bilden. In diesem Zusammenhang wurden zwei zentrale Aspekte in der Untersuchung berücksichtigt: die Sozial- und Gesundheitsdienste, die Weiterbildung.

Weiters wurde im Zusammenhang mit der Untersuchung auch ein Blick auf den für Frauen, Migrantinnen und Autochthone in Frage kommenden Arbeitsmarkt geworfen. Es gibt nämlich einen klaren Zusammenhang zwischen dem Einsatz im Arbeitsmarkt von Migrantinnen und der Beschäftigung, der Arbeitslosigkeit, dem Aktivitätsgrad der autochthonen Frauen. Es handelt sich um ein Geflecht an Beziehungen und gegenseitigen Abhängigkeiten, welche nicht nur die Nachfrage und das Angebot an Arbeit, spezifisch für Frauen ausgelegt, bestimmen, sondern auch die Art des Einsatzes, die Art und der Grad an Schichtenbildung, die gesamte Organisation der Arbeit von Frauen, welche sich zwischen Haus und Arbeitsstelle, zwischen Hausarbeit und der Pflege der Familie und dem Arbeitsplatz abspielt. Sowohl der Zugang zum Arbeitsmarkt als auch die Lohn- und Arbeitsbedingungen zeigen für Frauen immer wiederkehrende Spezifika von Absonderung und Feminisierung. Die Ankunft von Migrantinnen und ihre Anstellung in feminisierten Bereichen bestätigt diese Geschlechtsspezifität und verwandelt sie, wodurch Vorgänge für weitere Schichtenbildung und Differenzierung ausgelöst werden. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Untersuchungsmodell erstellt wurde als ein wechselseitig abhängiges Beziehungsgeflecht zwischen den eingewanderten Bevölkerungsschichten, zwischen den Migrantinnen und den autochthonen Frauen, zwischen dem Arbeitsmarkt und der öffentlichen Verwaltung.

5. Bemerkung zur Methodik

Im Vorfeld wurden zur Abklärung von Fragen in Bezug auf die vorgegebenen Ziele Voruntersuchungen durchgeführt. Dafür wurden unterschiedliche Untersuchungsmethoden und Auswertungsmethoden der gewonnenen Daten gewählt. In einer ersten Phase wurde in Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der Genossenschaft Mosaik das Untersuchungsprojekt erstellt. Vorausgehend wurden anhand der Sammlung und Auswertung von Informationen und der vertieften Recherche in folgenden Bereichen, die Problemfelder eingegrenzt und der Fragenkatalog ausformuliert und der aktuelle Status erhoben: Inklusion / Exklusion von Einwanderern, unter besonderer Berücksichtigung der nationalen Lage; die Einwanderung in Südtirol im Rückblick seit den 90iger Jahren; die weibliche Migration heute; der sozioökonomische Kontext. Nach dem Abschluss der Phase der Projektdefinition wurden in der zweiten Phase die quantitativen Daten erster und zweiter Ebene, welche für die Bereiche Einwanderung in Südtirol, Arbeitseingliederung von Einwanderern, Arbeitsmarkt und sozioökonomische Struktur, demografische Transformationstendenzen, erhoben worden sind, zugeordnet / ausgewertet.

Gleichzeitig wurde eine empirische Studie, Kern der vorliegenden Untersuchung, zu den Arbeitsbedingungen der betroffenen "Kategorien" von Arbeiterinnen, zur Fortbildung, zu den Dienstleistungen und dem institutionellen Kontext durchgeführt, Dazu wurden arbeitende Mirgantinnen (26) in narrativen Interviews befragt, Bedienstete in den Dienststellen, Funktionäre in der öffentlichen Verwaltung und "besondere Beobachter" (13), Focus Groups, an welchen Migrantinnen, Kulturmittlerinnen, Bedienstete in den Dienststellen, Funktionäre in der öffentlichen Verwaltung und "besondere Beobachter" (4) teilgenommen haben, in teilstrukturierten Interviews. Die Durchführung dieser Phase ist dank des Einsatzes und der Mediation der Mitarbeiterinnen der Genossenschaft Mosaik gelungen, welche auch die nötige Dokumentation und Informationen zur Verfügung stellten.

In der dritten Phase wurde das gesammelte Datenmaterial bearbeitet. Die verschiedenen Interpretationsstandpunkte der Arbeitsgruppe wurden dabei herangezogen und der vorliegende Bericht erstellt. Auch in dieser Phase waren die Mitarbeiterinnen der Genossenschaft Mosaik entscheidend einbezogen. Die Untersuchung ist zwar primär auf die Abklärung der Bedürfnisse der Frauen in ihrem Migrationprozess ausgerichtet, sie gibt aber auch die Möglichkeit die Interessen der Frauen in der Öffentlichkeit aufzuzeigen. Es wird darin klar, dass Migrantinnen aktiv an der Gestaltung der Gespräche, der Alltagspraxis und der Beziehungen, anhand welcher Migration im Aufnahmeland wahrgenommen und angegangen wird, teilhaben wollen. Der Einsatz von Focus Groups und narrative Interviews bekräftigt die Absicht der Arbeitsgruppe, dieses Bedürfnis auch in die Untersuchung einzubringen.

Eine Focus Group und das narrative Interview haben ihre spezifischen Eigenheiten: die erste Methode zieht mehrere Teilnehmer an einen Diskussionstisch und will durch Konsensbildung die Inhalte bestimmen, in der zweiten Methode geschieht dies in einem Gespräch unter vier Augen. Aus der Focus Groups können Erkenntnisse zum gemeinsamen Befinden gewonnen werden, Meinungen, welche hier auftauchen, spiegeln zumeist einen Willen zum Konsens wider. Aus dem narrativen Interview hingegen erscheint meistens die subjektive Einstellung der Person, welche sich bereit erklärt hat, ihre Geschichte zu erzählen. Es ist hier leichter auf Erzählstränge zu stoßen, welche eine persönliche und intime Seite der Migrationerfahrung wiedergeben. In dieser Form des Gespräches ist es wahrscheinlich wichtiger weit auszuholen, zu hinterfragen, sich einzulassen. Obwohl beide Methoden unterschiedlich Inhalte transportieren, so ist ihnen dennoch gemeinsam, dass sie das Subjekt in seiner Form als Sinnstifter ins Zentrum stellen; zusätzlich bieten Focus Groups und das narrative Interview dem Individuum die Möglichkeit sich selbst darzustellen und unterbinden so die Projektion von vorgefertigten Stereotypen auf das untersuchte Phänomen - sie unterstützen die Bewusstwerdung dieser Stereotypen im untersuchten Alltag. Durch dieses Vorgehen werden den Interviewpartnerinnen die analytischen Fähigkeiten zur eigenständigen Beobachtung nicht nur zugeteilt, sondern sie werden in ihrer Analyse vielmehr unterstützt.

Die besondere Qualität der so gewonnenen Informationen setzt von Seiten der Interviewer und der Interviewten eine starke Bereitschaft voraus, sich selbst einzubringen, ihre Beweggründe und Hintergründe offenzulegen. Dies wiederum braucht Zeit, Zeit Bekanntschaft zu schließen, die Hintergründe der Untersuchung zu verstehen, aber auch verständlich zu machen, um ein Klima der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Vertrauens zu erreichen, eine Grundvoraussetzung für Authentizität7. Die Rahmenbedingungen für die Durchführung dieser Untersuchung haben dies aber nicht immer zugelassen; die Untersuchungen im Feld mussten in relativ kurzer Zeit und sehr konzentriert stattfinden (die Focus Groups und die narrative Interviews wurden im Rahmen von vier Monaten realisiert). Die Abhaltung der Interviews in einem sehr entspannten Rahmen wirkte durch das Vertrauen, welches die Mitarbeiterinnen der Genossenschaft bei den Interviewten genossen, auf die Untersuchungsleiterinnen und erleichterte dadurch entscheidend die Durchführung.

Trotz dieses günstigen Umstandes dürfen wir aber nicht darüber hinwegsehen, dass es auch zwischenzeitlich Unterschiede in der Führung der Beziehungen im Zusammenhang mit dem Untersuchungsgegenstand gab. Genau wie im Alltag, war das gegenseitige Kennen lernen, das Aufeinanderzugehen nicht ein reibungsloser Prozess. Wenn es stimmt, was Melucci sagt, dass es in jeder Beziehung Machtgefälle, Doppeldeutigkeiten, Konflikte gibt, dann trifft das umso mehr in einem Untersuchungskontext zu, in welchem die Spielregeln nur von einer Seite vorgegeben werden. Diese Ungleichheiten beeinflussen unabdingbar die vermittelten Inhalte; im Laufe dieser Untersuchung fanden diese Ausdruck in den Augenblicken der Stille, in den Pausen, den Auslassungen, den Strategien des Gefälligseins und des Ausweichens unserer Gesprächspartnerinnen. Dies alles wurde bei der Datenaufnahme und Auswertung mitberücksichtigt.

Es mag aus den oben genannten Begründungen und Erklärungen paradox erscheinen, das keine Ausschnitte oder Mitschriften aus den Focus Groups oder den narrativen Interviews im Bericht wiedergegeben werden. Dies hängt sicherlich nicht mit der Qualität des erhobenen Materials zusammen, welches im Gegenteil sehr bildlich die Lage schildert. Die Entscheidung Teilaussagen nicht wiederzugeben wurde getroffen, um Missinterpretationen und Zerstückelung des gesamten Inhaltes vorzubeugen. Da es vom Untersuchungsdesign nicht vorgesehen war, die gesamten Texte zurückzugeben, erschien es richtig, sie nicht wiederzugeben. Dies hat gleichzeitig für die Untersucher eine viel stärkere Annahme von Verantwortung bei der Interpretation der Texte mit sich gebracht. Trotzdem bleiben die Stimmen der interviewten Frauen, welche maßgeblich am Zustandekommen dieses Berichtes beteiligt waren, zwischen den Zeilen gegenwärtig. Unsere Aufgabe besteht darin, die informellen und persönlichen Gespräche in eine formale Sprache zu übersetzen mit dem Ziel, dass dadurch eine größtmögliche Beteiligung möglich wird und ein Dialog auf gleicher Augenhöhe stattfinden kann.

Die Ergebnisse werden in einer einfachen und linearen Form im Text wiedergegeben. Der Text besteht aus drei Teilen: im ersten Teil werden die Zusammenhänge zwischen den Migrationsmechanismen und dem sozioökonomischen Kontext in Südtirol anhand eines Querschnittes zwischen den quantitativen Daten zur Einwanderung und zum Arbeitsmarkt dargestellt; der zweite Teil, der Kern der Untersuchung, gibt die empirischen Ergebnisse aus der Feldstudie zur sozialen Situation und der Situation bei der Arbeit der Migrantinnen wider; im dritten Teil werden besondere Aspekte, Bedürfnisse und Problembereiche, welche im Zusammenspiel zwischen den Sozialdiensten, der beruflichen Weiterbildung und den Einwanderern vorhanden sind, behandelt. Abgeschlossen wird der Text durch einige Bemerkungen, welche vor allem kritische Bereiche und mögliche Projekte im Bereich der Sozialdienste aufzeigen.

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